Bericht der 3. Tagung AG Regionalportale in Dresden 2009

von Stephan Kellner & Michael Letocha

Die dritte Tagung der „AG landesgeschichtliche und landeskundliche Internet-Portale in Deutschland“ (AG Regionalportale) fand am 5. und 6. Mai 2009 in Dresden statt. Dazu eingeladen hatte Michael Letocha (Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden) in Verbindung mit Stephan Kellner (Bayerische Staatsbibliothek München) und Marcus Weidner (LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte, Münster). Gekommen waren 33 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die 20 verschiedene Einrichtungen (Archive, Bibliotheken, Museen, Universitäten, wiss. Einrichtungen usw.) vertraten.Der Vormittag des 5.5. war dem Themenbereich „Rechtsfragen: Urheberrecht und Regionalportale“ gewidmet. ARMIN TALKE (Staatsbibliothek zu Berlin) erläuterte ausführlich die verschiedenen Aspekte des Urheberrechts an Texten, Bildern und Tondokumenten, ging auf die unterschiedlichen Schutzfristen ein und sensibilisierte für Rechtsfragen wie für rechtliche Unschärfen in diesem Bereich.

In der Sektion „Portale und Projekte – Neues“ ging das erste Referat von ANDREAS PILGER (Landesarchiv NRW) auf die Angebote des Landesarchivs im Internet ein. 1998 wurde die Plattform „Archive in NRW“ geschaffen. Seitdem haben mehr als 400 Archive die Möglichkeit genutzt, ihre Findmittel in standardisierter Form einzustellen. Erschlossen wird über einen zentralen Sucheinstieg. Die Einbindung in nationale und internationale Archivportale ist geplant, Digitalisate werden bislang noch nicht präsentiert.

STEPHAN KELLNER stellte das seit kurzem in der Bayerischen Landesbibliothek Online eingesetzte CMS Joomla vor. Diese viel angewandte Open Source-Software erleichtert das Einpflegen neuer Inhalte, und verbessert gleichzeitig die Suchmöglichkeiten im Portal. Ihr Einsatz gab auch Anlass, die Inhalte der BLO neu zu
strukturieren.

Anschließend gab ULRICH HAGENAH (Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg) Einblicke in den Entwicklungsstand des Portals „Hamburg – Wissen digital“, mit dem die SUB Hamburg ihr Profil als Landesbibliothek schärfen will. Hier sollen viele wertvolle Ressourcen, die sonst schwer auffindbar sind, gebündelt werden. Das Projekt wird von zahlreichen Partnern getragen, darunter dem Staatsarchiv Hamburg. Mittlerweile ist eine Betaversion online.

OTTO VOLK und STEFAN AUMANN (Hessisches Landesamt für geschichtliche Landeskunde, Marburg) berichteten über Neuentwicklungen bei Lagis, dem Landesgeschichtlichen Informationssystem Hessen. Das Portal wurde einem optischen und technologischen Relaunch unterzogen. Nach einer Registrierung hat der Nutzer nun die Möglichkeit zu Kommentaren und kann dauerhafte Arbeitsmappen erstellen. Die Zahl der Kooperationspartner hat sich erweitert, neue Angebote, z.B. die Hessische Biographie, sind hinzugekommen. Geplant ist die Einbindung des hessischen Archivsystems HADIS, außerdem sollen Vereine und Einzelpersonen die Möglichkeit bekommen, Bilder einzustellen.

ELMAR RETTINGER und STEFAN DUMONT (Institut für geschichtliche Landeskunde an der Universität Mainz) stellten Weiterentwicklungen und neue Projekte ihres Instituts vor. Bei www.regionalgeschichte.net wurde 2008 das Design überarbeitet und die Technik vereinheitlicht; geographisch erweiterte sich das Angebot um das Saarland, den Hunsrück und das Naheland. Außerdem gingen die Referenten auf folgende Projekte ein: „Inschriften Mittelrhein-Hunsrück“, das Digitale Flurnamenlexikon, die Mainzer Ingrossaturbücher und das Reichserzkanzlerarchiv.  Aktuell gestartet war das digitale Klosterlexikon Rheinland-Pfalz.

ANDREAS KUNZ (Institut für Europäische Geschichte, Mainz) referierte über das seit 2008 laufende Projekt „Digitaler Atlas und historisches Informationssystem zur Geschichte Europas seit 1500“. Es bildet eine Fortsetzung der seit 2000 am IEG laufenden digitalen Kartenprojekte und soll am Ende 200 thematische Karten sowie Basisinformationen zu Staaten umfassen. Die Karten sind einheitlich gestaltet, eingesetzt wird die Software Image mapper.

MARCUS WEIDNER führte das Thema weiter und ging auf die im Internet-Portal „Westfälische Geschichte“ präsentierten Karten ein, insbesondere die Historischen Zeitschnitte (Vektorgrafiken) aus dem Historischen Handatlas; das Angebot wird in Kooperation mit der Historischen Kommission Westfalen erstellt. Eingesetzt wird das SVG-Format, zur Präsentation der Rastergrafiken wird das flashbasierte Tool Zoomify verwendet.

MICHAEL LÖRZER (Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena) präsentierte die Online-Publikationsplattform URMEL. Sie umfasst u.a. 180 digitalisierte Zeitschriften und Zeitungen, sämtliche Kirchenbücher der Superintendentur Jena und Findbücher der Staatsarchive von Weimar und Rudolstadt. Geplant sind etwa die Bereitstellung der thüringischen Gesetzessammlungen 1800-1952 und der Landtagsprotokolle des Freistaats. Eine Bündelung der Ressourcen in einem Portal ist für ca.2011 angedacht.

Den Abschluss dieser Sektion machte FRANK DÜHRKOHP (Verbundzentrale des GBV Göttingen). Er stellte die Angebote des GBV dar, zur Datenerhaltung die Daten abgeschlossener Projekte zu hosten. Ein Beispiel bildete das Digitale Archiv Duderstadt. Der GBV unterstützt außerdem Projekte auf technischer Ebene (digicult), übernimmt auch Einspielungen in andere Portale wie OPAL. BAM, Michael plus. Das Konzept ist bislang mittelfristig angelegt, die Langzeitarchivierung fehlt noch.

Traditionell wurden im letzten Themenkomplex die Internetangebote aus der gastgebenden Region vorgestellt. Die präsentierten Angebote stammten alle von der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) und dem Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V. (ISGV).

MICAEL LETOCHA (SLUB) präsentierte einleitend das Regionalportal SACHSEN.digital. SACHSEN.digital, die interdisziplinäre Wissensplattform zur Geschichte, Kultur und Landeskunde Sachsens, ist als kooperatives Vorhaben mehrerer Forschungs-, Kultur- und Bildungseinrichtungen Sachsens konzipiert und durch die SLUB und das ISGV im Jahr 2007 begründet worden. Hauptpartner sind die SLUB und das ISGV die in enger Zusammenarbeit mit dem Sächsischen Staatsarchiv, dem Zweckverband Sächsisches Industriemuseum, der Sächsischen Landesstelle für Museumswesen und der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden (FH) als Kooperationspartner SACHSEN.digital betreiben. Der Kreis der Partner wird sich noch erweitern. Den inhaltlichen Schwerpunkt bildet Sachsen in Geschichte und Gegenwart als Kunst- und Kulturlandschaft, als Wissenschaftsstandort und Wirtschaftsraum. Fundierte Basisinformationen und themenspezifische Angebote werden zusammengeführt und stellen unter einer effizienten Benutzeroberfläche einen digitalen Mehrwert dar. Auch auf den Einsatz neuer Dienste (etwa Web. 2.0 – das „Mitmach“-Web) ist SACHSEN.digital ausgelegt.

SUSANNE BAUDISCH (SLUB) stellte zwei weitere kooperative Projekte unter dem Dach von SACHSEN.digital vor: Historische Landtagsprotokolle und das Portal Wissenschaftskultur. Für die Landtagsprotokolle stehen 125.000 digitalisierte Seiten aus den Zeitabschnitten 1869-1918, 1919-1933 und 1946-1952 zur Verfügung. Für etwa 600 Abgeordnete, die im Zeitraum von 1919 bis 1933 und/oder 1946 bis 1952 im Sächsischen Landtag saßen, sind Personensätze angelegt, deren biografisch-bibliografische Informationen über eine Suchfunktion recherchierbar sind. – Das Portal Wissenschaftskultur geht über regionale Bezüge hinaus. Das Portal ist als Plattform für Geschichte und Gegenwart wissenschaftlicher Arbeit und gelehrter Gesellschaften, die Quellen ihrer Geschichte und aktuellen Arbeit vereinigt, angelegt und derzeit einzig in Deutschland.

MARTINA SCHATTKOWSKY und FRANK METASCH (ISGV) stellten die wichtige Kernressource „Sächsische Biografie. Ein Online-Lexikon zur Geschichte Sachsens“ vor. Die Sächsische Biografie enthält derzeit über 9000 Personen-Datensätze bedeutender Personen vom Mittelalter bis zum heutigen Freistaat Sachsen. Für etwa 700 Personen existieren bereits Lexikonartikel. Weitere 1000 Artikel werden nach einer redaktionellen Bearbeitung folgen. Die Sächsische Biografie war von Anbeginn als Online-Lexikon konzipiert. Sie ging 2005 online.

KRISTINA LIPPOLD (SLUB) erläuterte die Sächsische Bibliographie als wichtigste Kernressource des Portals SACHSEN.digital und ihren Ableger das Personen-Wiki der SLUB. Mit dem Umstieg der Bibliographiearbeit von der konventionellen auf die elektronisch basierte Bearbeitung wurde schon 1992 die Voraussetzung dafür geschaffen, dass die sächsische Landesbibliographie auch für regionalkundliche Web-Angebote tauglich ist. 2006 fiel die Entscheidung zur Umstellung der laufenden Bearbeitung und der Präsentation im Südwestdeutschen Bibliotheksverbund. Die Sächsische Bibliographie verzeichnet Werke die sich auf Sachsen und seine Teilgebiete (Natur- und Kulturräume, Verwaltungseinheiten, historische Regionen etc.), seine Orte sowie die mit dem Land verbundenen verstorbenen und lebenden Persönlichkeiten beziehen. Gegenwärtig enthält sie ca. 145.000 Titel, überwiegend ab Erscheinungsjahr 1992, (davon 138.000 Printmedien; 50.000 unselbständig erschienene Werke; 1.000 Rezensionen; 7.800 Karten; 3.000 Werke mit elektronischen eferenzen; 2.300 Werke mit elektronischen Volltexten). Als Nebenprodukt der bibliographischen Arbeit hat sich das Personen-Wiki etabliert. Es entstand aus der Personenhilfsdatei des alten Bibiliografie-Programms ABACUS, die mit knappen biographischen Angaben Titel mit Personenbezug anreicherte und auch zur Identifizierung der Personen diente. Diese Daten konnten bei Migration in den Verbund nicht übernommen
werden. Um diese Daten zu erhalten, mussten sie in ein anderes System überführt werden. Man hat sich für ein Wiki entschieden. Heute sind im Personen-Wiki ca. 16.000 Datensätze verschiedener Ausbaustufen enthalten. Die Informationen stammen in der Regel aus veröffentlichten, in der Bibliographie nachgewiesenen Quellen. Datenschutzregeln und Aufbau der Datensätze folgt den Wikipedia-Grundsätzen. Die Ansetzung der Personennamen
folgt in der Regel der PND. Neben den biographischen Angaben werden zusätzlich Weblinks zu biographischen Datenbanken und zur Wikipedia sowie zu Literaturhinweisen vor allem zur Sächsischen Bibliographie und dem Katalog der Deutschen Nationalbibliothek angeboten. Des Weiteren erfolgt ggf. eine Vernetzung mit anderen sächsischen Personen innerhalb des Personen-Wikis und der Zugehörigkeit zu Personengruppen. Dem Wiki-Charakter entsprechend erfolgt auch eine Einbeziehung der Regionalkundler und der „Hobby-Sachsen“ (Beispiel:  Stadt-Wiki-Betreiber von Leipzig und Dresden).

ANDRÉ THIEME (ISGV) widmete sich einer wichtigen Kernressource des ISGV innerhalb von SACHSEN.digital, dem Digitalen Historischen Ortsverzeichnis von Sachsen und dem Repertorium Saxonicum. Das Digitale Historische Ortsverzeichnis ging 2008 online und enthält etwa 6.000 Artikel zu Orten in Sachsen, die über geographische Lage, Verfassung, Siedlung und Gemarkung, Bevölkerung, verwaltungsmäßige Zugehörigkeit, die vormaligen grundherrlichen Verhältnisse, die Kirchenverfassung, historische Ortsnamenformen und frühe schriftliche Erwähnungen informieren. Die Aktualisierung des Ortsverzeichnisses, die wegen der Kreisreform 2008 notwendig geworden ist, wird demnächst vorgenommen.
Im Repertorium Saxonicum ist mit den kursächsischen Amtserbbüchern aus der Mitte des 16. Jahrhunderts, die in 48 Folianten mit weit über 26.000 Blatt vorliegen, eine der wichtigsten historisch-statistischen Quellen zur spätmittelalterlich/frühneuzeitlichen Geschichte Sachsens digital aufbereitet. Für über 1800 Ortschaften sind hier die Angaben zu den besessenen Mannen, zu den Hufen, zu Lehnware, Gerichten, Heerwagen und Kirchenverfassung sowie die zu erbringenden Abgaben verzeichnet. Für die Zukunft ist für das Repertorium Saxonicum ein Glossar geplant.

ANDREAS MARTIN (ISGV) informierte über das Bildarchiv des ISGV, als visuelle Quellen zur Volkskultur in Sachsen. Bei der Gründung des ISGV 1997 wurden auch ca. 90.000 Bildquellen übernommen, die zu einer erschlossenen Bildsammlung ausgebaut wurde. Sie umfasst heute innerhalb einer internen Datenbank 130.000 Bildquellen. Seit 2003 sind etwa 25 % davon über das Internet zugänglich.

GEORG ZIMMERMANN (SLUB) erläuterte im abschließenden Beitrag das Kartenforum Sachsen. Anlässlich des Dresdner Stadtjubiläums 2006 wurden in Zusammenarbeit mit der Deutschen Fotothek zunächst rund 100 Karten und Ansichten der Stadt aus dem 16. bis zum frühen 20. Jahrhundert in höchster Auflösung digitalisiert, katalogisiert und sachlich erschlossen. Mittels Zoomfunktion ließen sich schon in der ersten Version die frei zugänglich im Internet publizierten Blätter bis in kleinste Details vergrößern. Heute ist das rund 2.000 Blatt umfassende Angebot des Kartenforums separat oder im Kontext von Architekturzeichnungen, historischen Fotografien und Luftbildern im Sinne gebündelten raumbezogenen historischen Wissens zu recherchieren.

Kommentare

Schreibe einen Kommentar




Bitte auch die kleine Rechenaufgabe lösen (Spamschutz): *